Drei Wochen München mit Erico Nagai

...... in Erinnerungen schwelgend
Barbara Drees


Direkt kann ich sagen: Es waren für mich drei pralle volle Workshop-Wochen voll konzentrierter Arbeit, vielen vielen Eindrücken und mindestens einer halben Million Anregungen.
Wir starteten am Montag in der Früh um 9 Uhr (in Worten NEUN – ich fange nie vor 10 Uhr an!) im Fortbildungszentrum der Handwerkskammer München, genannt Akademie, unweit vom Ostbahnhof.
Sympathischerweise teilte uns Frau Nagai direkt am ersten Morgen mit, sie gedenke nicht vor halb zehn zu erscheinen, das könne sie nicht organisieren. Durch meine liebe Mitbewohnerin Therese (wir waren bei der gleichen Zimmerwirtin untergebracht), die SEHR zuverlässig ist, war ich dennoch jeden Morgen kurz vor Neun da und stellte fest: Ich leide ja gar nicht! In dieser morgendlichen Zeit konnte ich wie zu Hause meine e-Mails checken und beantworten, denn die Handwerkskammer stellte einen Computerraum zu Recherchezwecken zur freien Verfügung. Genial! Das haben wir alle genutzt.
Auch die Werkstatt war in Ordnung eingerichtet, ich erinnere mich an VHS-Kurse, die ich geleitet habe: diese Werkstätten sind definitiv anders…
So: an diesem ersten Tag bekamen wir unser Thema gestellt: „Wilde Tiere“ - und um es griffiger zu machen: „Das Tier im Sprichwort“. Wir sammelten. Wir sammelten viele.
Als erste gemeinsame Aktion beschlossen wir, nachmittags ins Museum zu gehen. Das „Historische Jagd- und Fischereimuseum“ war als einziges staatliches Museum auch an einem Montagnachmittag geöffnet. Oha! Na, es hat wenigstens was mit Tieren zu tun. Aber siehe da - die heimische Flora und Fauna, egal ob gejagt oder gefischt, erwies sich spannender als wir ahnten. Verwucherungen an Rehgeweihen, die wie gehäkelte Schutzhüllen aussahen (Wer Klopapierrollen umhäkelt macht auch vor Rehgehweihen nicht halt..) sind auf einen Virus zurückzuführen (ENTSCHULDIGUNG, liebe Handarbeiterinnen!) und beeindruckten mich tief. Ich habe den größten (toten) Wels meines Lebens gesehen.
Am nächsten Tag schon wurde klar: drei Wochen können verdammt knapp werden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen (in meinem Falle sogar herumzuschlagen). Erwartungsfroh und neugierig machten wir zwölf uns an die Arbeit, denn fast alle von uns hatten wir angekündigt, erfreut zu sein, mal „anders als in der eigenen Werkstatt“ zu arbeiten. Renate, du warst für mich das Highlight, als du sagtest, du würdest seit zwölf Jahren künstlerisch arbeiten, jetzt würdest du endlich mal VERKÄUFLICH arbeiten wollen!
Frau Nagai legte Wert darauf, alle Aspekte, die uns bei den von uns gewählten Themen ansprachen, (in diesem Falle „unsere Tiere“) auszuloten: sowohl mit Gefühl wie mit Verstand, Emotion und Ratio. (Passion brachten wir sowieso alle mit.) Darauf sollte dann eine handwerklich hochqualitative Umsetzung folgen: Technik, Technik, Technik hörten wir mindestens einmal pro Tag! Und fühlten uns natürlich alle angesprochen, denn sind wir nicht alle „vom Fach“, um genau dieses Qualitätsmerkmal zu garantieren?
Das bedeutet: zuerst prüfen was es ist, das mich anspricht am Thema, die emotionale Komponente des Themas. Dann gilt es, die rationale Komponente des Themas herauszufinden: wie mache ich meine Emotionen sicht- und nachvollziehbar? Und dann geschieht die Umsetzung in Werk- und Schmuckstücke mittels hohem goldschmiedischem Können (Ich kann es nur immer wiederholen, um mit Frau Nagai zu sprechen: Technik. Technik, Technik!)
Schon bald füllte eine geschäftige aber auch kontemplative Atmosphäre die Werkstatt. Skizzen, Zeichnungen, Modelle, Papier, Pappe, Messing, Stahl, Eisendraht, Plastik, Knete, Leder, Pergament, Schweinedarm (ja ja, Bayern ist u.a. Metzgers Paradies! fand die Bremerin Jutta heraus… Wobei ich aus sicherer Quelle meiner in Bremen wohnenden Schwester weiß, dass der Bremer an sich die Bratwurst einem Bratfisch vorzieht!) wurde geknickt, geklebt, gebogen, (amöbisch)verformt, geheftet, geleimt, gefalzt ….. was auch immer – wir versuchten es auszuprobieren. Auch probierten wir auf ausdrückliches Anraten Frau Nagais nicht oder wenigstens nicht viel über unsere Arbeit und Methoden zu sprechen – gegenseitige Beeinflussung sollte so verhindert werden. Hat natürlich kein Stück geklappt. ABER – ich nehme das Ende vorweg: Wir erzielten alle so unterschiedliche Ergebnisse und Werkstücke: sehr schön und befriedigend! Jeder suchte und fand einen anderen Zugang und Auslegung „seines Tiers“, selbst bei gleichen Tieren. Oder sollte ich besser schreiben. Jede? Denn nur ein Mann weilte unter uns. Liebe männliche Kollegen: Wo seid Ihr? In welchen Löchern versteckt Ihr Euch? Tapferer Andreas, dessen „Mut“ alsbald schon in Vergnügen wechselte an seiner Rolle des „Hahn im Korb“. Danke dir, Andreas: Wenn die Frotzeleien zu arg wurden, erwähntest du Frau und Tochter, was wir dann bald übernahmen…
Täglich diskutierten, sprachen wir unter Moderation Erico Nagais über selbst gewählte Themen:
Was bedeutet Schmuck in der heutigen Zeit? Wie sehen sich Goldschmiede in heutiger Zeit? Besonders in Krisenzeiten? Definiert man sich als Künstler, Handwerker oder Gestalter? Arbeitet man in einem Laden, einem Atelier, einer Werkstatt oder einer Galerie? Was und wie ist die Rolle von Galerien heutzutage? Wie ist die Ausbildung heutzutage? (Unterschiede zwischen FH´s, Kunstakademien, Lehrstellen…) Welche Qualitätsmaßstäbe setzen wir an? Gibt es nicht zu viele von uns Goldschmieden? Wie sehen unsere Verdienstmöglichkeiten aus? Was bedeutet eigentlich moderner Schmuck? Was ist Künstlerschmuck? Was ist Autorenschmuck? Wie definieren wir Erfolg? Welche Vertriebsmöglichkeiten gibt es? Welche Materialien werden benutzt, bevorzugt? Darf man ein Material überhaupt bevorzugen (abgesehen von persönlichen Vorlieben J - und überhaupt)? Wie sehen unsere Käufer, unsere Kunden aus? Wie sehen die Perspektiven für modernen Schmuck aus? Kann man Trends festlegen? Wie ist der Kontakt unter Kollegen (eher abständig oder geneigt oder helfend)?
Und ebenso täglich nutzten wir die Möglichkeit des Zwiegesprächs mit Frau Nagai, etwas abseits von den anderen. Gedanken, Fragen zu Thema, Absicht, Material, Umsetzung – was immer auch notwendig erschien, konnten wir in Ruhe mit ihr besprechen und überlegen.
Dann brach die letzte Woche heran. So allmählich wollten und sollten aus Modellen und Werkstücken Schmuckstücke, Schmuckobjekte werden. Hektik! Wir kamen immer pünktlicher und gingen immer später. Die gute Stimmung blieb, gutgelaunte Produktivität füllte den Raum. In diesen letzten Tag erfüllte uns Frau Nagai auch unseren Wunsch, Stücke von ihr selbst zu sehen und berichtete uns über Entstehung, Idee, Konzept und Umsetzung (und Technik, Technik, Technik). Beeindruckend und schön.
Schließlich war der letzte Freitag da: Bei der internen Abschlusspräsentation konnten wir „unsere Tiere“ noch einmal bestaunen. Es gab viele Fische- und Vögelinspirationen, aber auch Pferde, Schnecken, ja sogar Quallen, Tiger, Pfauen, Nashörner führten zu wunderschönen Schmuckstücken und Prototypen. Muster des Federkleides, Strukturen aus Fischschuppen (auch Netze gesehen im Jagdmuseum), symbolische Ideen und philosophische Auslegungen hatten uns inspiriert und „an die Arbeit“ gebracht. Vielfältig in ihrer Ausführung, mit unterschiedlichsten Materialwirkungen. Und wir alle waren uns einig: das Thema ist noch nicht beendet ausgeschöpft, alle fuhren wir nach Hause um „weiter zu machen“.
LEIDER ist dies Frau Nagais LETZTER Kurs gewesen: Sie möchte sich wieder auf die eigene Arbeit voll und ganz konzentrieren (nur noch unterbrochen von der eigenen Familie, nicht mehr durch KursistenJ…). Sonst wäre ihr nächster Kurs bei gleicher Belegung DIREKT ausgebucht gewesen!
Danach genossen wir noch ein letztes gemeinsames Mittagessen, dann verstreuten wir uns in alle Richtungen. Therese und ich wollten noch unbedingt vor der Heimfahrt Schätze indischer Maharadschas in der Ausstellungshalle der Hypovereinsbank sehen (Saphire in klarstem Blau, größer als Wachteleier): und wen trafen wir da? Beinah die Hälfte des Kurses…. Alle ein wenig unsicher (und sentimental), wie sich das nun anfühlt, nach drei Wochen intensiv erlebter gemeinsamer Arbeit, jetzt wieder allein zu sein. Es bedurfte noch einiger gemeinsamer Tassen Kaffees, um die allgemeine Erschöpfung sichtbar zu machen und uns zur wirklichen „Auflösung“ zu führen.
Ich bedanke mich bei allen im Kurs, bei Frau Nagai natürlich besonders und bei den Zuständigen der HWK München, Frau Schmidt und Frau Otto (die immer ansprech- und hilfsbereit waren) für einen wunderbaren produktiven intensiven Kurs!
(Und eigentlich wollte ich auch noch KURZ berichtet haben, was München noch so alles bot und was wir abends so gemacht haben: Aber dazu reicht der Platz nicht!!!)