Was geht ab in....... Mallorca?

Bericht aus dem Süden
von Tasso Mattar (www.mattar.de)


Im November 2009 habe ich es mir gegönnt, an der Mitgliederversammlung "25 Jahre FORUM", im Museum für Angewandte Kunst in Köln teilzunehmen. Ich war sehr angetan von den Aktivitäten des FORUM und berührt von dem Heimatgefühl, das mich plötzlich ergriff, so dass ich bedauere, nicht engeren Kontakt zu dieser Heimat zu pflegen.
Als das FORUM 1994 zehn Jahre alt wurde, gab es in dem Bürgerzentrum "Alte Feuerwache" die erste "Ars Ornata", ein Fest, das für den alten Vorstand des Vereins ein Abschiedsfest wurde, da die Gründungsmitglieder, nach zehnjähriger Vorstandsarbeit alle ausschieden. Für mich war es ein besonderer Abschied; denn ich verlies nicht nur den Vorstand des Vereines sondern auch Deutschland, um mich mit meiner Familie in einem kleinen Dorf auf Mallorca niederzulassen.
Als ich damals den Entschluss einigen Freunden mitteilte, bekam ich lustige, spontane Antworten wie: "etwa freiwillig, wie kommst Du denn darauf?!"* oder "dann sieht man sich ja jetzt öfter!!"**

*Kurz bevor das FORUM im Oktober 1991 für zwei Wochen eine Gruppe Künstler aus Kirgisien zu Gast hatte, war ich zur Hochzeit meiner Nichte nach Mallorca gereist. Bei diesem ersten Besuch lernte ich nicht nur eine sympathische, mallorquinische Familie, sondern auch die angenehmen regionalen Witterungsbedingungen kennen. Beides veranlasste mich zu mehreren Urlauben auf der Insel und ließ die Idee reifen, meine Werkstatt nach dort zu verlegen, zumal es damals in den Dörfern kleine Häuser günstig zu kaufen gab. Ich wollte Workshops für Goldschmiede in einer Jahreszeit anbieten, in der man in Deutschland auf den Frühling wartet oder den Sommer verlängern möchte. Meinen Schmuck dachte ich weiterhin an Galerien zu verschicken, eben nur von einem anderen Postamt. Meine Frau war einverstanden und wir zogen nach Artà. Während ich mich um Kinder, Haus und Werkstatt kümmerte, verlagerte sie ihre fest angestellte Tätigkeit mehr und mehr ins Freiberufliche.

**Ein Haus in einem beliebten Ferienland zieht natürlich viele Besucher an. Einerseits Freunde und Verwandte, die den Wunsch hatten "sich mal wieder öfter zu sehen", andererseits Urlauber, die bei schlechtem Wetter oder bei Langeweile sich daran erinnern, dass sie da jemanden kennen, den man mal besuchen könnte. Hinzu kommen noch die Wunschbesuche von Kollegen und ehemaligen Workshopteilnehmerinnen (von denen schon eine im Ort ein Haus gekauft hat). Und für jeden, der sich anmeldet, gibt es auch Zeit und einen Kaffee.

Zu den Workshops:
Von den 65 Workshops, die seitdem in Artà stattfanden, waren 15 sogenannte „Themenworkshops",
die sich an fertige Goldschmiede, Designer oder Künstler richten. Themen wie "Geheime Orte - Geheime Zeichen", "Offen - Geschlossen", "Endungen und Übergänge" sind in diesen Workshops Anstoß für die Entwicklung von Ideen für die eigene Produktion.
Hin und wieder kommen Gastdozenten. In zwei Technik-Workshops zeigte z.B. Ishouad Alélé,
ein Goldschmied aus Niger, die Gusstechnik der Tuareg. Zusammen mit Philip Sajet fand ein Workshop zur Bernsteinbearbeitung statt und mit Wolfgang Rahs gab es einen Workshop für die Studenten der Designschule aus Graz.
Der weitaus größte Teil der Kurse richtete sich an interessierte AnfängerInnen. Insgesamt waren es bis jetzt ca. 300 TeilnehmerInnen aus 12 Ländern. Als die Frauenzeitschrift "Brigitte" 2003 einen großen Artikel über die Workshops schrieb, musste ich zeitweise meine Werkstatt auf eine angemietete Finca verlagern, auf der die Teilnehmerinnen auch wohnten und beköstigt wurden. Neuerdings gibt es auch eine Facebookseite: „Goldschmiedeworkshops Artà Mallorca“, auf der man Fotos aus den Workshops sehen kann. 


Zur Werkstatt:
Im Tiefparterre unseres Stadthauses mit Ausgang zum Patio befindet sich meine Werkstatt mit fünf Arbeitsplätzen. Im Sommer kühl und im Winter leicht zu heizen.
Dass ein deutscher Goldschmied sein Atelier in Artà auf Mallorca hat, sprach sich zwar in der Schmuckwelt schnell herum. So kamen im Laufe der Jahre 15 Praktikanten aus 8 Ländern in das Atelier. Im Dorf selbst nahm man wenig Notiz davon, zumal es kein Geschäft und kein Schaufenster gibt. Als ich zu meiner ersten Ausstellung in der Diele des Hauses die Nachbarn einlud, waren sie allerdings voll des Lobes: "Mucho trabajo! – mucha paciencia!" Dann interessierten sie sich jedoch mehr für die Renovierung des Hauses als für den Schmuck: „Has quitado las baldosas?“ (Hast du die Fußbodenkacheln rausgemacht?)

Zum Verkauf:
Wenn man bedenkt, dass sich für künstlerisch gestalteten Schmuck ca. 2 Promille der Bevölkerung interessieren, wären das in einem Dorf von 6000 Einwohnern gerade mal 12 Personen. Glücklicherweise war unter diesen 12 Personen ein bekannter Galerist aus dem Nachbarort, wo ich meine erste größere Ausstellung machen konnte. Nicht aber der dort ausgestellte Schmuck, sondern fünf Eisenboote, die zur Dekoration dienten, wurde durch die Installation im Hotel „Son Gener“ meine bestpublizierteste Arbeit überhaupt.
Neben den Ausstellungen an ausgesuchten Orten nehme ich auch gern Einladungen der Workshopteilnehmerinnen an, in ihren Heimatstädten kleine Privatausstellungen zu machen. So kam es zu Ausstellungen in Greifswald, Oslo, Luxemburg, Norderney, Hannover, Salzburg, etc.; ein angenehmer Synergieeffekt!

Kollegen:
Als ersten Kollegen im Ort lernte ich Carlos del Caz (aus Madrid) kennen, der in seinem Atelier außerhalb des Ortes kleine Gussserien anfertigt und mit dem ich freundschaftlich verbunden bin.
Seit einigen Jahren hat der Schweizer Urs Bischof (aus Zug) in der Hauptstrasse des Dorfes eine Filiale und benutzt hin und wieder mein Atelier.
Auf der Insel haben auch einige deutsche Kollegen ihr Atelier eingerichtet. So hat sich das langjährige Forumsmitglied Eckhard Adler (aus Hanau) in Santany, Klaus Olligs (aus der Galerie D'or, Oldenburg) in Sant Joan und Boris Jakob (aus Düsseldorf) in Pollença und Palma niedergelassen.

Design in Mallorca:
Mallorca ist bekannt für gutes Schuhdesign (z.B. Camper) und im Schmuckbereich für die synthetischen Mallorcaperlen (z.B.Majorica). Was die künstlerische Schmuckgestaltung anbelangt, sieht die Szene sehr mager aus. Von den über 300 Schmuckadressen, gibt es vielleicht 5 einheimische Anbieter, die sich mit diesem Thema befassen. Die Hochschule für Design bemüht sich zwar um den Fachbereich Schmuck, indem sie z.B. Michael Zobel (aus Konstanz) zu einem Workshop einlädt, trägt aber darüber hinaus wenig zur neuen Schmuckgestaltung bei.
Der größte Teil des angebotenen Schmuckes hat traditionelle Formen und wird traditionell in Silber gegossen.
Als ich im Jahr 2002 auf der Inhorgenta in München, kleine, in Wachs modellierte und in Silber gegossene Teile zeigte, war das Urteil der Kollegen eindeutig: „Der Fluch des Südens!“