"Horror Vacui" - ein Ausstellungsnachmittag
Horror Vacui - ein Ausstellungsnachmittag
Es ist Sonntagnachmittag in Köln, heiß und schwül. Es sind Sommerferien. Ich habe mich verpflichtet, die Ausstellung heute zu betreuen. Obwohl ich nicht weit von der Handwerks-kammer wohne, bin ich nass geschwitzt, als ich mein Fahrrad vor dem Gebäude ankette. Ich habe mein Buch vergessen! Wie werde ich mich heute Nachmittag beschäftigen?
Erst mal muss ich die Ausstellung „öffnen“: Strom anmachen, Lichter anschalten, Kataloge auslegen, Kasse nachzählen, einmal mit dem Katalog die Ausstellung „durchgehen“ (Womöglich fragt jemand was!)…
Da! Die erste Besucherin kommt! (5 Minuten zu früh!) Sie geht zielstrebig auf mich zu und setzt an: „Was heißt das denn? Ich wusste gar nichts mit dem Titel anzufangen!“ „Die Angst vor der Leere.“ „Und was hat das mit Schmuck zu tun?!“ (Gute Frage, nächste Frage) „Schauen Sie sich doch einfach die Ausstellung an und bilden Sie sich eine Meinung“, wage ich vorzuschlagen. Sie würdigt mich keines Blickes mehr, marschiert innerhalb von 10 Minuten von Vitrine zu Vitrine, kommt auf mich zu: „Verstanden habe ich es immer noch nicht!“ Ich biete ihr einen Platz an, gebe ihr den Katalog und schlage vor, sie möge sich das Vorwort des Katalogs durchlesen. Sie liest. Legt den Katalog zur Seite. Mustert mich. Öffnet den Mund: „Jetzt ist es schon klarer! Aber das hätten Sie mir vorher sagen müssen!“
Steht auf und geht.
So: jetzt darf ich selbst mir mal ein Bild machen:
Zuerst fällt mir auf, dass viele vor der „Reizüberflutung“ unseres Lebens warnen: Gleich drei Mal werden „Ohrstöpsel“ „verarbeitet“: „Keine Angst vor Stille“ von Kirstin Jankowski; „schön still“ von Stella Maria Jung; und „Horror silentii“ von Johannes Oppermann. Ein Fernseher fällt mir auf: von 2 Schmuckschmiede, Kratzsch und Schlink: “Horror Vacui gestern und heute – eine Brainstorming-Kette“ (Wasser auf die Mühlen meiner Mutter).
Noch häufiger werden Hohlräume mit etwas gefüllt: Die Leere ist der Raum für „Dings“: Marlene Gerhard lässt kleine goldene Ornamente auf zierlichen Sprungfedern aus einer Dose lugen: „Jack in the box“: mach sie auf und es springt dir entgegen! (Deine Leere möchte ich kennen lernen, Marlene!) Das „Sonnengeflecht“ von Sigrid Karrasch sieht überhaupt nicht leer aus! Oder Anneliese Vossbeck-Krahwinkel, deren Ringobjekt ein Kästchen zeigt, durch dessen „Schlitz“ man in das leere Innere sieht : Nein, ein kleines, goldenes Körnchen liegt darin, wie ein Samenkorn. Der dabei liegende Text beschreibt es auch so. Hélène Kaufmann Wiss füllt eine Dose, in der Sehschlitze sind, mit Fotos und „Beschäftigungstipps“ (Setze oder stelle dich in die Sonne) und umgibt die Dose noch liebevoll mit einem Futteral…
Albrecht Fleige stellt ein Bild Buddhas (als Anhänger) auf einen schwarzen Kasten, schreibt „Truth is Nothing“ darauf, und ich beginne den Kasten mit religiösen Ideen (gedanklich) zu füllen… Wer füllt jetzt? Ich, die Betrachterin oder Er, der Herstellende?
Gabriela Felgenträger lässt ihren Ring aus Acryl „Hautnah“ oben offen: Normalerweise wäre da ein Stein! (Ja ja , normalerweise…)
„Meinen“ Ausstellungsbesuchern gefiel am besten das Schachbrett mit einem einsamen König darauf von Dirk C.E. Jahn: Die Angst vor der Leere – nach dem letzten Zug; der Knochen von Nicola Hupperich, dessen Mitte durch silberne Ornamente ersetzt wurden (Objekt); von Anke Wolf „Halsschmuck und Wandzeichnung“, ein weiterer Halsschmuck von Udo Goertz : “Hormone“, Glücksboten gegen die innere Leere“ (Da wurde viel gekichert!); oder das Objekt von Gabriele Nimmermann: „ Aus der Leere entsteht schöpferische Energie“: eine Spirale auf deren Spitze mit den Bewegungen vibrierende rote Kügelchen sitzen.
Die „Dokumentation des Grauens“ von Ina Gumpert löste oftmals ein Aufstöhnen aus: Der Bleistift, der übers leere Papier „wandert“: nur in verschiedenen Positionen zu sehen ist, das Blatt bleibt jedoch leer…
So zeigte sich immer wieder: Bleibt etwas leer, erfüllt es mit Unbehagen und der sofortigen Bereitwilligkeit, die Leere zu „ersetzen“: ornamentativ, pragmatisch oder ideell.
Auch wenn wir die Leere „akzeptieren“, so betrachten wir sie als Raum für etwas Neues, etwas Entstehendes.
Leere ohne Funktion: Das gibt es nicht - weil wir es nicht wollen (können?)
PS: Ich hatte übrigens genug zu tun: Mit den Besuchern durch die Ausstellung zu gehen, selbst immer wieder zu betrachten und mir dazu Gedanken zu machen… Ein Buch war überhaupt nicht notwendig, es trat keine Leere auf!
Barbara Drees
Es ist Sonntagnachmittag in Köln, heiß und schwül. Es sind Sommerferien. Ich habe mich verpflichtet, die Ausstellung heute zu betreuen. Obwohl ich nicht weit von der Handwerks-kammer wohne, bin ich nass geschwitzt, als ich mein Fahrrad vor dem Gebäude ankette. Ich habe mein Buch vergessen! Wie werde ich mich heute Nachmittag beschäftigen?
Erst mal muss ich die Ausstellung „öffnen“: Strom anmachen, Lichter anschalten, Kataloge auslegen, Kasse nachzählen, einmal mit dem Katalog die Ausstellung „durchgehen“ (Womöglich fragt jemand was!)…
Da! Die erste Besucherin kommt! (5 Minuten zu früh!) Sie geht zielstrebig auf mich zu und setzt an: „Was heißt das denn? Ich wusste gar nichts mit dem Titel anzufangen!“ „Die Angst vor der Leere.“ „Und was hat das mit Schmuck zu tun?!“ (Gute Frage, nächste Frage) „Schauen Sie sich doch einfach die Ausstellung an und bilden Sie sich eine Meinung“, wage ich vorzuschlagen. Sie würdigt mich keines Blickes mehr, marschiert innerhalb von 10 Minuten von Vitrine zu Vitrine, kommt auf mich zu: „Verstanden habe ich es immer noch nicht!“ Ich biete ihr einen Platz an, gebe ihr den Katalog und schlage vor, sie möge sich das Vorwort des Katalogs durchlesen. Sie liest. Legt den Katalog zur Seite. Mustert mich. Öffnet den Mund: „Jetzt ist es schon klarer! Aber das hätten Sie mir vorher sagen müssen!“
Steht auf und geht.
So: jetzt darf ich selbst mir mal ein Bild machen:
Zuerst fällt mir auf, dass viele vor der „Reizüberflutung“ unseres Lebens warnen: Gleich drei Mal werden „Ohrstöpsel“ „verarbeitet“: „Keine Angst vor Stille“ von Kirstin Jankowski; „schön still“ von Stella Maria Jung; und „Horror silentii“ von Johannes Oppermann. Ein Fernseher fällt mir auf: von 2 Schmuckschmiede, Kratzsch und Schlink: “Horror Vacui gestern und heute – eine Brainstorming-Kette“ (Wasser auf die Mühlen meiner Mutter).
Noch häufiger werden Hohlräume mit etwas gefüllt: Die Leere ist der Raum für „Dings“: Marlene Gerhard lässt kleine goldene Ornamente auf zierlichen Sprungfedern aus einer Dose lugen: „Jack in the box“: mach sie auf und es springt dir entgegen! (Deine Leere möchte ich kennen lernen, Marlene!) Das „Sonnengeflecht“ von Sigrid Karrasch sieht überhaupt nicht leer aus! Oder Anneliese Vossbeck-Krahwinkel, deren Ringobjekt ein Kästchen zeigt, durch dessen „Schlitz“ man in das leere Innere sieht : Nein, ein kleines, goldenes Körnchen liegt darin, wie ein Samenkorn. Der dabei liegende Text beschreibt es auch so. Hélène Kaufmann Wiss füllt eine Dose, in der Sehschlitze sind, mit Fotos und „Beschäftigungstipps“ (Setze oder stelle dich in die Sonne) und umgibt die Dose noch liebevoll mit einem Futteral…
Albrecht Fleige stellt ein Bild Buddhas (als Anhänger) auf einen schwarzen Kasten, schreibt „Truth is Nothing“ darauf, und ich beginne den Kasten mit religiösen Ideen (gedanklich) zu füllen… Wer füllt jetzt? Ich, die Betrachterin oder Er, der Herstellende?
Gabriela Felgenträger lässt ihren Ring aus Acryl „Hautnah“ oben offen: Normalerweise wäre da ein Stein! (Ja ja , normalerweise…)
„Meinen“ Ausstellungsbesuchern gefiel am besten das Schachbrett mit einem einsamen König darauf von Dirk C.E. Jahn: Die Angst vor der Leere – nach dem letzten Zug; der Knochen von Nicola Hupperich, dessen Mitte durch silberne Ornamente ersetzt wurden (Objekt); von Anke Wolf „Halsschmuck und Wandzeichnung“, ein weiterer Halsschmuck von Udo Goertz : “Hormone“, Glücksboten gegen die innere Leere“ (Da wurde viel gekichert!); oder das Objekt von Gabriele Nimmermann: „ Aus der Leere entsteht schöpferische Energie“: eine Spirale auf deren Spitze mit den Bewegungen vibrierende rote Kügelchen sitzen.
Die „Dokumentation des Grauens“ von Ina Gumpert löste oftmals ein Aufstöhnen aus: Der Bleistift, der übers leere Papier „wandert“: nur in verschiedenen Positionen zu sehen ist, das Blatt bleibt jedoch leer…
So zeigte sich immer wieder: Bleibt etwas leer, erfüllt es mit Unbehagen und der sofortigen Bereitwilligkeit, die Leere zu „ersetzen“: ornamentativ, pragmatisch oder ideell.
Auch wenn wir die Leere „akzeptieren“, so betrachten wir sie als Raum für etwas Neues, etwas Entstehendes.
Leere ohne Funktion: Das gibt es nicht - weil wir es nicht wollen (können?)
PS: Ich hatte übrigens genug zu tun: Mit den Besuchern durch die Ausstellung zu gehen, selbst immer wieder zu betrachten und mir dazu Gedanken zu machen… Ein Buch war überhaupt nicht notwendig, es trat keine Leere auf!
Barbara Drees





