Was geht ab in ... Barcelona?

 

„Wir Katalanen haben das Glück, zwei Sprachen zu sprechen, aber beide sprechen wir nicht wirklich gut!“ Flavio Castañero, Kabarettist

Geografisch vom Norden gesehen sind wir im Süden, von Spanien aus gesehen im Norden.
Ich lebe und arbeite seit `89 in BCN. Geborener Niederrheiner, Krefeld, kam ich direkt auf die Escola Massana, und schloss dort 93 das offizielle Studium (4 Jahre, das gibt es heute nicht mehr, es sind nur noch 2 Jahre Studium) für Schmuck ab. Zu der Zeit gab es nur eine Galerie für Schmuck, die auch heute noch existiert HIPÒTESI, und eine Assoziation für Schmuck Orfebres FAD, welches auch für die Mitglieder des Forums ein Begriff sein sollte – siehe Ars Ornata ‘96. Damals war die Stadt Barcelona noch vollkommen uneuropäisiert, z.B. war es schwer, an Butter oder Quark zu kommen. Die vielleicht auch muffige und dekadente Stadt, die sich wie auch das Land Katalonien mit der Olympiade um 180º gedreht hat. Nostalgiker soll das schrecken, aber große Städte brauchen den Wandel, um sich und seinen Einwohnern zu erneuern.

Es gibt da auch für deutsche Leser Interessantes zu finden, wie z.B. “Die Stadt der tausend Wunder” (Eduardo Mendoza) oder Krimis von Montalban etc. In allen Bereichen hat sich die Stadt verändert. In der Schmuckklasse von Ramon Puig Cuyas an der Massana, wie auch auf anderen Schulen der Stadt: La Escuela Industrial und der Llotja sind so neue Generationen im Schmuck herangewachsen. Die Massana sticht in dem Sinne hervor, da sie vielleicht den bekanntesten im Ausland aller modernen spanischen Schmuckmacher als Lehrer hat. Auch ein beliebtes Ziel vieler Schmuckstudenten aus Deutschland ist die Escola Massana: Sesam Projekt, oder Karl Duisberg Gesellschaft.

Heute sieht das Schmuckpanorama in Barcelona etwas anders aus: auch wenn die Akzeptanz, Schmuck als Kunst zu verstehen, alles anderes als natürlich ist. Hier wie in anderen Teilen Europas ist die Arbeit noch in den Anfängen begriffen: moderner Schmuck wird vermutlich immer Probleme haben, sich wirklich zu emanzipieren, bzw. größeres Publikum an Beliebtheit zu gewinnen, aber das nur am Rande.

Die Katalanen sind die spanischen Schwaben, das ist keine Beschimpfung, sondern unter Sichtweise vieler Spanier und auch vieler Katalanen ein Selbstverständnis. Man ist stolz auf seine Sprache und seine Kultur vor allem auf seine Essenskultur. Köche werden im Übermaß gefeiert, nur der Schmuck tut sich da etwas schwerer. Es gibt auf keiner Universität die Möglichkeit Schmuck zu studieren, nur auf den genannten Schulen, auch einen vernünftigen Lehrplan, ob nun etwas konservativer oder moderner, gibt es nicht. Dennoch ist die Zahl der Schaffenden in den letzten 20 Jahren sehr gestiegen. Unser Problem ist nicht die Kreativität, sondern der Verkauf. Verarbeitung von Gold und Silber muss in (Spanien) offiziell gestempelt werden, welches im Falle von Einzelstücken immer noch ein schwieriges Unternehmen ist, da Proben entnommen werden müssen. Oft auch die Stücke einfach dabei kaputt gehen. Also die Verantwortung des Goldschmiedes paternal kontrolliert wird. Dies gilt für ganz Spanien.

Fangen wir an mit den Galerien:

Galeria Alea S. L., eröffnet 2001, befindet sich im Borne im Zentrum der Stadt, ein Steinwurf von der wohl schönsten und wichtigsten Kirche der Stadt, Santa Maria Del Mar. Die Galerie befindet sich in einem kleinen Raum angeschlossen an ein Geschäft von Enric Majoral. Um die 25 m2 mit einfachen aber doch klaren Vitrinen stellt ihre Besitzerin, Lali Mensa, vierteljährlich dort verschiedene teilweise thematische Ausstellungen vor. http://www.aleagaleria.com

Galeria Amaranto, eröffnet 2000, liegt im Viertel von Gracia, geleitet wird diese Galerie von Grego Garcia Tebar, die selber Schmuck macht , welches ein bisschen ab vom Schuss ist, was das Konsumzentrum angeht, und vielleicht deswegen von einem mehr einheimischen Publikum besucht wird, aber mit klaren Vitrinen und einer eindeutigen Aufteilung des Raumes wird erreicht, dass jede Ausstellung klar besichtigt werden kann. http://www.d-dos.com/expoanuschka.html

Galeria Hipòtesi, das älteste Galerie-Geschäft, geleitet von Maria Lluisa Samaranch, im gut situierten Eixample - Viertel organisiert sie 3 bis 4 mal jährlich Ausstellungen mit mehr nordeuropäischen Künstlern, in etwas fragwürdigen Vitrinen, aber doch großzügigem Raum, wo man aber nie genau weiß, was denn nun wirklich ausgestellt wird, es sei denn, man erkundigt sich.
Keine Website vorhanden

Galeria KLIMT, geleitet von Amador Bertomeo und Leo Caballero, online sind die beiden 2002 gegangen, mit ihrer Webseite für und um internationale Schmuckmachende. Beide repräsentieren vielleicht das modernste Projekt mit ihrer 2007 eröffneten Galerie in 2. Stockwerk, ebenfalls im Eixample, und zeigen in zwei großzügigen Räumen mit einer klaren Ausstellungsfläche, ihre Version des modernen Schmuckes. http://www.klimt02.net/gallery

Galeria Meko, die seit 1988 in der Nähe des Palau de la Musica Catalana (Höhepunkt des kalanischen Modernismus) liegt. Geleitet von Carmen Pintor, die seit 5 Jahren meistens spanische Schmuckmacher, von Januar bis November ausstellt, nach dem eigens definiertem Motto: das „Schaufenster der Verschiedenheit“. http://www.galeriameko.com

Zu den Organisationen:

Orfebres FAD zum Glück fand vor einigen Jahren ein Machtwechsel in diesem Verein statt, und ein frischer Wind kommt auf. Dieses Jahr gehen sie auf die Inhorgenta München, haben Enjoia´t, (Eingeschmückt) organisiert, ein Wettbewerb für Studenten und professionelle SchmuckmacherInnen. Es scheint, das sich etwas Neues in Bezug um und im Schmuck tut, um an ein anderes und neues Publikum zu gelangen. Mit einigen Konferenzen und geplanten Workshops, versuchen sie das Eis zu brechen. Beitrag 300 € jährlich. http://orfebresfad.blogspot.com

Atresans de Catalunya (Kunsthandwerker Kataloniens), in dem gerade frisch restaurierten Gebäude auf der Calle Banys Nous, präsentieren sie alles, was sich als Tradition im handwerklichen Berufen versteht. Mit viel Unterstützung auch für das Orfebres FAD werden dort z.B. Vorträge gehalten. http://www.artesania-catalunya.com/informacio/es/portada.html

Mit dem Col·legi de Joiers, Orfebres, Relotgers, Gemologs, kurz JORGE, befassen wir uns mit einer doch sehr eigenartigen neu eingeschriebenen Organisation, die alle Bereiche im Schmuck versucht einzubeziehen und zu kontrollieren. Welches vielleicht im Ansatz den deutschen Gilden (Handwerkskammern) gleichkommt. Meine persönliche Erfahrung mit der Entstehung und der Promotion dieser Organisation, in der die alten ehemaligen FAD-Leute sitzen, ist, dass es eigentlich nur um Macht geht statt um Inhalte. Auch wenn es „nur“ um einem so kleinen Bereich wie den Schmuck geht. Durch diesen stetigen Machtkampf geht nur Energie flöten, anstatt dass Inhalte, die dem Schmuck eh oft fehlen, sowie die Promotion eines Berufes, der ohnehin immer weiter technisiert wird, im Vordergrund stehen. Aus meiner Sicht das Absurdeste, was man bisher hier zu Stande gebracht hat. Das vielleicht fragwürdigste dieser Unternehmung ist, dass sie den offiziellen Schulen mit eigenen teuren Kursen Konkurrenz macht, anstatt zunächst mal einen aktualisierten Lehrplan für Katalonien oder sogar Spanien zu entwerfen und die schon existierenden Schulen zu unterstützen, von Seiten des Col·legis sieht man das so, dass nur im privaten Bereich Bildung und Wettbewerb gefördert werden kann. Zwangsmitgliedschaft; Beitrag 720 € jährlich. http://www.jorgc.org/main.asp

Zur Zeit schaffende Künstler/innen:

Gemma Draper, Grego Garcia Tebar, Ana Font, Pilar Cotter, Teresa Capella, Carmen Pintor, Estela Saez, Nicolás Estrada, Rinaldo Álvarez, Lourdes Carmelo, Juan Capdevila, Marc Monzo, Tensi Solana, Silvia Piva, Blanca Sánchez, Gloria Gasleti, Gimena Rios, Jaime Diaz, Marta Boan, Cinta Sala, Martina Pons, Montse Rego, Pilar Marsà, Carmen Amador, Natàlia Torné, Jose Castro, Miguel Garcia, Carol Sarafar, Rosa Ballata, Javier M. Frias, Gigi Kohnen, Christine Hrwart, Lou Andrea Savoir, Walter Cheng, Natascha Grant, Ana Copian, Anie Michie, Sivia Sera.

Marcus Teipel, Barcelona