Was geht ab in...Frankreich?
ET LE BIJOU en France? - Eine Frage, ein Seufzer oder ein anerkennender Ausruf, kommt wohl darauf an, wie die Frage gestellt ist.
Zu der «joaillerie» Place Vendôme, das Zeichen der kulturellen Vorherrschaft Frankreichs was Schmuck angeht, in Sachen guten Geschmacks und dies nun schon seit Louis XIV, gibt es nicht viel zu sagen.
ABER wenn die Frage den zeitgenössischen Schmuck angeht, gibt es erst einmal einen Seufzer und dann eine lange Liste von Erklärungen, über die Ausbildung, die Bürokratie, und, und, und, und, … Zeitgenössischen Schmuck machen heißt in Frankreich gegen den Strom schwimmen, wie in vielen Ländern, es ist ein Geschichte von «Einzelkämpfern», die seit Jahren arbeiten - Henri Gargat, Gilles Jonemann, Jöel Faivre-Chalon, les Chavent, Christophe Burger, der gleichzeitig für Lapponia arbeitet, … -, die jüngere Generation - Juliette Pailler, Florence Lehman-, die Künstlergruppen Corpus und Arkane -, Galerien und Werkstattgalerien, -Hélène Porée, Naila de Montbrison in Paris, Christophe Verot in Montpellier, … -, Ausstellungen – Biennale de Nîmes, die Ausstellungen der Stadt Cagnes-sur-Mer in der Galerie Solidor - und Organisation und Events, die im Augenblick geplant sind.
Es ist die Geschichte eines Landes, das in Sachen Kultur seit langem die Vorherrschaft hat und die Geschichte eines Landes, in dem die Hierarchien, soziale wie kulturelle, sehr stark sind. Ein Land, in dem das Handwerk eine schwierige Stellung hat. Und vor allem noch nicht daran gedacht wurde, dass es sich auch von Innen heraus weiterentwickeln kann und muss, um zu überleben; dass es nicht nur Design und Industrieware, Luxus in allen Formen, sondern ein Handwerk gibt, das modern, interessant, auch amüsant sein kann und darf, und vor allem der persönliche Ausdruck eines Menschen ist, der sich durch sein Werk an andere wendet. Und dann ist vielleicht ein kleiner Punkt, an den wir oft nicht denken, wenn es um Schmuck geht: er wendet sich immer noch und fast ausschließlich an Frauen, und vielleicht hat „la femme français“ ein anderes Bild von sich, wo der zeitgenössische Schmuck noch nicht seinen Platz gefunden hat.
Es gibt keine Künstlersozialversicherung für Schmuckmacher, sie können sich nicht im «Maison des Artistes» als Schmuckmacher einschreiben, und wenn dann nur unter einer andere anderen Disziplin, aber dafür haben die Goldschmiede ein Polizeibuch. In diesem Buch werden Kolonnen gezeichnet und genau aufgeschrieben wieviel Kilogramm Gold (für die sehr Erfolgreichen) und Silber sie eingekauft haben, wieviel Gramm Edelmetall pro Schmuckstück verbraucht wurden in der einen Kolonne, wer ihn gekauft hat mit Namen etc in einer anderen Kolonne und der Rest des nicht verkauften Edelmetalls muss alles schön zu Hause sein. Es kann alle Formen haben: Schmuck oder nicht verarbeitetes Metall, Feilreste und, und. Das Buch hat einen Polizeistempel und ist nummeriert. Es gibt auch Kontrollen, der Zoll ist dafür zuständig.
Napoléon Bonaparte hat noch eine andere staatliche Stelle gegründet, das «Bureau de la Garantie». Jedes Schmuckstück in Frankreich muss zwei Stempel haben, den «poinçon du maître», (unabhängig, ob man einen Gesellenbrief oder einen Meisterbrief hat oder diplomierter Schmuckdesigner ist, sogar der «Raumpfleger» kann sich dort anmelden, muss sich nur als «Freischaffender Künstler» anmelden) und den «poinçon de la garantie», Stempel der gesetzlichen Kontrollbehörde. Es gibt keine offizielle Möglichkeit, Schmuck ohne diese zwei Stempel zu verkaufen, außer privat, unter der Hand. Aber auf längere Dauer ist dies nicht machbar.
Aber der wohl wichtigste Punkt ist die Ausbildung an Hochschulen und auch Goldschmiedeschulen, wenn wir wollen, dass sich der Schmuck weiterentwickelt und seinen Platz als künstlerischen Ausdruck findet. Die Ecole des Arts Décoratifs in Strassburg hat schon lange ein „Atelier Bijou“, geleitet seit 2001 von Sophie Hanagarth aus der Schweiz, somit endlich eine Professorin, die in der zeitgenössischen Schmuckwelt als Künstlerin existiert. An Goldschmiedeschulen, an „Privatschulen“ (die juristisch als „…Verein e.V.“ laufen) hat der zeitgenössische Schmuck seinen Platz. An der AFEDAP in Paris, die ein zweites Schuljahr «Création-Fabrication» hat, geleitet von Brune Boyer. Und die Goldschmiedeschule Ecole Tane in Ploërmel hat seit ihrem Beginn vor zwei Jahren einen Kurs «Recherche» , geleitet von Petra Dömling und mir. Das Gesellenstück der Schule wird in diesem Kurs entwickelt. Lichtblicke in den nicht sehr kreativen Handwerkerlehren Frankreichs. Ich halte Vorträge über zeitgenössischen Schmuck an mehreren Schulen und auch an Museen, Vorträge und Kunstgeschichtsunterricht, der die Augen öffnet und Klischees abbaut.
Die Initiativen der Schmuckmacher, der Wunsch von vielen, einen anderen und interessanteren Schmuck zu machen und zu präsentieren, neue Wege zu gehen, ist und wird in Frankreich trotz allem noch lange schwer sein, da auch die so wichtige Unterstützung von Seiten des Staates, vor allem der Handwerkskammern oder anderer offiziellen Stellen zuständig für das „Handwerk - artisant“, fehlen.
Trotzdem, auch als Goldschmied in Frankreich ist es möglich, seinen Weg zu gehen, seine Arbeiten zu zeigen. Und die Dynamik und der Austausch zwischen den verschiedenen Schulen existiert, unter den Künstlergruppen und den Goldschmieden existiert ein lebendiger und reger Austausch, der, so freue ich mich, zu schönen und interessanten Ausstellungen führt und auch, so hoffe ich, zu einem etwas größeren Interesse des Publikums und somit zu einer wirklichen Existenz des zeitgenössischen Schmucks in Frankreich führen wird.
Monika Brugger
(Schmuckmacherin in Arles, Frankreich)
2005





