Manchester 2007
von Astrid Niggeloh.
Die 11. Ars Ornata Europeana mit dem Titel „Inside Out“ fand dieses Jahr in Manchester statt, organisiert von Jo Bloxham, Sarah O´Hana und Jim Grainger. Sabine Braunfisch und ich hatten das Vergnügen, die Konferenz als Repräsentanten des Forums zu besuchen.
So vage der Titel auch klang, so unglaublich war es mitzuerleben, wie unterschiedlich, aber dennoch so nah die gesamte Konferenz an diesem Thema blieb.
Als einstmals wichtiges Handelszentrum, und das nicht nur in den Zeiten der Industriellen Revolution, hat Manchester nun Nachteile im Konkurrenzkampf mit der übermächtigen Metropole London. Anders als andere Städte sehen die Verantwortlichen in Manchester Kultur als einen Weg aus dem Einerlei der Städte. Ein weiteres internationales Kulturfestival fand zur gleichen Zeit statt, wie noch ein Jazzfestival und ein Theaterfestival später im Sommer folgen werden.
Starke Rivalen um Gelder aus dem Kulturbudget. Aber als Sarah die Strahlkraft der Ars Ornata in Manchester mit der Strahlkraft der Filmfestspiele Cannes, ausgerichtet in Manchester, verglich, war ein Sponsoring durch die Stadt keine Frage mehr.
Der Veranstaltungsort der Konferenz lag malerisch an einem Kanal.
Die Anmeldung bot neben dem Wiedersehen mit Freunden und Bekannten auch die Möglichkeit, in Katalogen zu stöbern und vier verschiedene Ausstellungen zu betrachten. Neben den neuesten Werken von Prof. Norman Cherry, zeigte ein von Jivan Astfalck betreutes Projekt Arbeiten von Studenten einer englischen und einer deutschen Schule.
Stille Post spielten Dichter und Schmuckkünstler miteinander. Eine Bildbeschreibung war Vorlage für ein Schmuckstück. Dieses Schmuckstück bildete die Grundlage für ein Gedicht.
In einem weiteren Raum hatten Studenten der Universität Birmingham die Fensterfront mit Papier verkleidet und jeder Teilnehmer war gebeten, sich ein Schmuckstück für den Tag aus dem perforierten Papier herauszureißen.
In kleinen Gruppen ging man von dort in die Stadtmitte zu dem Luxuswarenhaus Harvey Nichols. Zum ersten Mal öffnete das Kaufhaus seine Türen für eine Schmuckausstellung. In dem im obersten Stockwerk gelegenen Restaurant waren fünf Vitrinen aufgehängt, in denen unter dem Thema „Bite the Bullet“ die Schmuckkünstler Bettina Speckner, Karl Fritsch, Ted Noten, Xavier Ines Monclús und Giovanni Corvaja gezeigt wurden.
Weiter ging es ins Royal Exchange Theatre, einem ehemaligen Handelsplatz für u.a. Baumwolle. Heute sind ein Theater, ein Café und ein Geschäft für Kunst und Design eingezogen. Eben dieses Geschäft räumte vier Vitrinen im Eingangsbereich, um die Ausstellung „Thread of Silk“, eine zeitgenössische Annäherung an die Seidenstraße, zu zeigen.
Später am Abend begrüßte der Bürgermeister in der Halle des Rathauses die Teilnehmer.
Die Ausstellung „Romancing the Stone“ begleitete den Empfang. Die marmornen Büsten und Statuen wichtiger Männer, ihr Leben und Wirken in Manchester, waren den eingeladenen Schmuckkünstlern Inspiration.
Eine Statue stach besonders hervor. Auch wenn die anderen Büsten und Statuen öffentlich zugänglich sind in der Halle des Rathauses, so steht das Denkmal an Prinz Albert, Ehemann von Queen Victoria, mitten auf dem Rathausplatz. Im Dämmerlicht des Abends leuchtete die von Deborah Zeldin O’Neill gemachte Neonkette mit Kreuz auf der Brust von Prinz Albert weithin sichtbar.
Die folgenden Vormittage waren dicht besetzt mit Vorträgen. Da die Redezeit allerdings auf 15 Minuten begrenzt war, genoss der Zuhörer einen bunten, auf die Essenz reduzierten Strauß an Vorträgen:
Schmuck zeigte sich in vielen Facetten: das traditionelle Gold in feinen Fäden verarbeitet in den Arbeiten von Giovanni Corvaja, die farbenfrohen, futuristisch-kreatürlichen Armreifen aus Kunststoff des Peter Chang, Bettina Speckners narrative Art und der Einzug moderner Techniken in den Schmuck, sei es der Computer entweder als direktes Werkzeug oder als weltweite „Gelben Seiten“. Oder sei es der Einsatz eines Lasers bei der Gestaltung von Schmuck.
Redner fern von der professionellen Beschäftigung mit Schmuck rundeten das Bild ab.
Die temperamentvolle, spanische Schuhdesignerin Beatriz Delgado erzählte von der Tradition der bedeutungsvollen Stickerei und der damit verbundenen Schönheit des chinesischen Damenschuhs zu den Zeiten, als die Füße noch gebunden waren.
Einen Blick auf unsere direkte Umgebung durch das Mikroskop ermöglichte uns der Wissenschaftler Dr. Mark Miodownik. Die Betrachtung der Photos hinterließ den Wunsch, solch ein Gerät zu besitzen, damit man selbst in diese Welt eintauchen kann.
Nachdem das Gehirn am Morgen genügend gefüttert wurde, bot der Nachmittag ein leichteres Programm.
Der Donnerstagnachmittag war den Workshops gewidmet.
Der perfekte Zeitpunkt, um den Teilnehmern etwas ihre Scheu zu nehmen, auf neue Leute zuzugehen. Danach verbrachte man die im dichten Programm wohlplatzierten Pausen nicht mehr nur mit den alten Bekannten, sondern auch die neuen Bekanntschaften wurden vertieft. Alles begleitet von einem phantastischen Catering - und dem in England obligatorischen „tea“.
Wunderbar und sehr angenommen war Sonia Collins Bücherstand mit all den Katalogen und Publikationen, die ein Schmuckmacherherz aufgehen lassen.
Am Freitag brachten zwei Reisebusse die Teilnehmer zu zwei weiteren Ausstellungen.
Nachdem am Morgen Sarah O´Hana sehr lebendig von ihrem Projekt und ihren Schwierigkeiten berichtet hatte, kontrolliert Titan zu färben mit Hilfe eines Lasers, waren nun die Ergebnisse der wissenschaftlich-künstlerischen Zusammenarbeit unter dem Titel „Walking with Scientists“ zu sehen.
Nur Wissenschaftler und Ingenieure beschäftigen sich sonst mit diesem Laser. Einige Zeit dauerte es, bis die Wissenschaftler und die Künstlerin eine gemeinsame Sprache fanden. Auch war das zu erwartende Ergebnis völlig ungewiss. Resultat der gemeisterten Schwierigkeiten war eine unique Serie von Medaillen.
Die andere Ausstellung „Out of Styal“ wurde in einem neuen, schicken Viertel von Manchester gezeigt. Es wurden in einem ebenso schicken, modernen Center die Ergebnisse eines Workshops in einem Gefängnis ausgestellt. Die Einschränkungen bei der Durchführung des Workshops waren groß: u.a. kein spitzes Werkzeug, Bänder und Kordeln durften nicht länger als 12 inches sein, jede Woche kamen andere weibliche Gefangene in den Kurs und den Teilnehmerinnen war es nicht gestattet, die Stücke zu behalten.
Die Ergebnisse waren verblüffend, kreativ, witzig, anrührend.... wortwörtlich „Inside Out“.
Zum Abschluss dieser wunderbaren Ars Ornata Europeana gab es ein schönes Fest.
Nach einigen kurzen Dankesreden saß man zum letzten Mal um die runden Tische bei indischem Essen und Wein ins Gespräch vertieft. Da eine Fortsetzung der Ars Ornata von allen Teilnehmern als sehr wichtig angesehen wurde, war natürlich auch der mögliche Nachfolger von Manchester Thema an den Tischen.
Tallinn wünscht sich die Konferenz für das Jahr 2011, wenn die Stadt auch den Titel Kulturhauptstadt Europa trägt.
Allen anderen Ländern, die noch unentschlossen sind, bietet Cristina Felipe, Ausrichterin der AOE Lissabon 2005, ihre Dienste an. Man solle sich nur bei ihr melden und sie sorge für den Rest der Organisation.
Später am Abend lockte der DJ die Gäste auf den eine Etage tiefer gelegenen Tanzboden.
Der DJ war ein echter Lokalpatriot. Nur Musik aus Manchester kam auf den Plattenteller, aber das darf man sich nicht eintönig vorstellen. Die Bandbreite reichte von den Bee Gees bis Oasis. Auch hier zeigt sich der Erfolg Manchesters im Bereich Kultur.
Von einigen Teilnehmern musste man schon Samstagnacht Abschied nehmen. Aber viele Teilnehmer machten noch die sonntägliche Tour nach Liverpool mit. Reisebusse holten uns vom Hotel ab und brachten uns in die Walker Art Gallery Liverpool, wo eine Retrospektive der Arbeiten Peter Changs gezeigt wurde.
Es war eine wundervolle, anregende und perfekt organisierte Konferenz, nur das Wetter spielte leider nicht mit - Regen, Regen und noch mehr Regen. So wurde das Vorurteil über das britische Wetter mehr als bestätigt.
Aber auch da hatten die Organisatoren für alles in ihrem Rahmen mögliche gesorgt.
Jeder Teilnehmer erhielt mit seiner Tasche voller Informationen, Katalogen und sehr netter Aufmerksamkeiten ein Plastik-Regencape.
Wie wohl alle Teilnehmer fuhr ich mit außerordentlicher Energie und Enthusiasmus nach Hause.
Vielen Dank an Jo Bloxham, Sarah O´Hana und Jim Grainger für die großartige Ars Ornata Europeana in Manchester!









